Bix Club Stuttgart
Das etwas andere Ukes -Konzert vom 02.02.2009
Schockierende Neuigkeiten

Gerade als wir das Cafe
Bohnencafe an
der Rückseite des Bix verließen,
fuhr gegenüber der Wagen der Ukes vor. Sie begrüßten uns
eilig und während
Hester und Dave zum Hintereingang des Clubs stürmten, konnten Richie
und Jonty kaum abwarten, uns die schlimmen Neuigkeiten zu unterbreiten: George
und Will saßen
in Heathrow im Schneesturm fest und konnten nicht kommen. Da auch Peter und
Kitty leider nicht dabei waren, würden die vier das
Konzert
ganz alleine bestreiten müssen. Dann hasteten sie den anderen hinterher.
Ich war geschockt und meine heftige Reaktion überraschte mich selber. Hatte ich mich doch so gefreut, sie alle wieder zu sehen. Es machte aber auch die Hoffnung auf einige Lieblingssongs zunichte. Wills einzigartiger Gesangsstil und seine dramatische Ausdruckskraft sind nicht zu ersetzen. Und George ist doch der Mittelpunkt des Ukulele Orchestra! Ein Konzert ohne George war einfach nicht vorstellbar. Wie soll das funktionieren? Wer kann seine Rolle übernehmen? Und dann sollten sie das hier auch noch in dieser winzigen Besetzung hinbekommen? Mir war nicht entgangen, wie angespannt die Ukes trotz des gewohnt herzlichen Empfangs wirkten.
Gegen 18 Uhr öffnete der Club und wir waren die ersten, die eingelassen wurden. Die Ukes kamen bald einer nach dem anderen heraus und plauderten ein wenig mit uns. Man hatte den ganzen Tag vergeblich versucht, George und Will irgendwie doch noch nach Stuttgart zu bringen. Letztendlich war ihnen nichts anderes übriggeblieben, als den Zug zu nehmen, um wenigstens am nächsten Tag rechtzeitig zum Konzert in Schopfheim zu kommen. Die vier anwesenden Ukes hatten jedoch noch nie in dieser Kombination gespielt und so hatten sie den ganzen Tag geprobt und Arrangements angepaßt. Zum Teil hatten sie sogar die Parts der anderen lernen müssen. "Mal sehen, ob das was wird", meinte Dave.
Jetzt gehts los!

Während sich der Club langsam mit Stehplatzkarteninhabern füllte, saß Hester schon alleine auf der Bühne und informierte das Publikum über die Geschichte der Ukulele, bevor das vom Veranstalter mitgebrachte Instrument herumgereicht wurde. Gegen acht, als es losgehen sollte, standen die Besucher dicht an dicht und die Kellnerinnen schlängelten sich ein letztes Mal mit vollen Tabletts und akrobatischer Geschicklichkeit durch die Menge. Wie würden die Ukes zur Bühne kommen? Der Backstage-Bereich war am anderen Ende des Clubs. Ich entdeckte sie erst, als sie sich schon durch den halben Saal gekämpft hatten. Nach der obligatorischen Verbeugung nahmen sie auf der winzigen Bühne hinter geborgten Notenständern Platz. Ihre eigenen, hatten es also auch nicht nach Stuttgart geschafft.
Als sie zum ersten Stück einsetzten, hatte ich noch geglaubt, eine leichte Unsicherheit herauszuhören. Aber das war nach ein paar Takten vergessen. Gerade im Vergleich mit den "üblichen" Versionen des kompletten Orchesters war es höchst interessant und amüsant zu erleben, wie die vier die Situation meisterten. Was sie dann an diesem Abend boten war einfach nur erstaunlich. Es hätte vielleicht etwas dünn klingen können, schließlich fehlte das halbe Orchestra, aber es war einfach nur transparenter, leichter zu differenzieren, wer gerade was spielte. Sie hatten es wirklich geschafft, in der kurzen Zeit Arrangements für die Stücke zu finden, die auch zu viert funktionierten.

"Misirlou" klang viel zurückhaltender als sonst - ein Stück, bei dem sie normalerweise die dynamischen Möglichkeiten der bis zu acht Ukulelen voll ausschöpfen - aber mit so viel Gefühl gespielt, daß es einem Schauer über den Rücken laufen ließ. "Kiss" war dagegen richtig "funky" und auch mit nur vier Ukulelen klang es, im Gegensatz zum Original von Prince, gar nicht minimalistisch. Richies gesungenes "Solo" bekam sogar den ersten Applaus mitten im Song.
Dave übernahm gleich mehrmals Georges Part. Als er den "Ying Tong Song1" mit original Peter-Sellers-Nuscheln vortrug, war es ganz egal, daß kaum jemand in Deutschland je von "The Goon Show2" oder diesem Lied gehört hat. Auch hier gab es schon mittendrin Applaus! Und mit "Pinball Wizard" als Seemannslied hatte er ebenfalls sofort die Lacher auf seiner Seite, obwohl es bei ihrer A-Capella-Version dieses Who-Hits vielleicht am meisten auffiel, daß sie nur zu viert waren. Und als er dann auch noch sein herzzerreißendes "How Can You Mend A Broken Heart3" hinschmetterte, blieb kein Auge trocken.

Aber auch die anderen drei sprangen mit Gesang und (Bass-)Ukulele für George ein. Während Hester eine großartige Version von "My Way" zum "Life on Mars"-Medley beitrug, überraschte Jonty ausgerechnet mit "Orange Blossom Special". Jonty und Johnny Cash? Ein höchst ungewöhnliche Kombination. Das Publikum war begeistert, gerade auch von den Showeinlagen, die damit endeten, daß sie zu dritt auf Daves Uke spielten, bis Jonty sie ihnen wegnahm. Richie war dagegen hauptsächlich für Soli zuständig und übernahm ein paar Gesangsparts von Will, aber nur solche, bei denen Will nicht alleine singen würde.
Mit "Should I Stay or Should I Go" näherte sich das Konzert langsam dem Ende und während Dave seine Haare wild herumwirbelte, sang sogar das Publikum begeistert mit! Die Überraschung zum Finale war aber "God Gave Rock And Roll To You". Eine mutige Entscheidung diesen Song in so kleiner Besetzung aufzuführen, nachdem schon das orchestrale Arrangement des UOGB für 8 Ukulelen gelobt worden war. Aber natürlich wußten sie, wie sie auch das als Quartett gut klingen lassen können. Es war nicht wirklich verständlich, daß sie nach nur zwei Zugaben aufhören durften.

An diesem Tag haben Dave, Hester, Richie und Jonty unglaubliches geleistet. Unter großem Streß haben sie in nur wenigen Stunden eine großartige Show vorbereitet. Sie haben hier bewiesen, daß jeder einzelne von Ihnen ein talentierter Musiker ist, der auch in solchen Extremsituationen sein Publikum perfekt unterhalten kann. Es war interessant, das Ukulele Orchestra mal aus so einer Perspektive zu erleben. Aber so lustig es war, zu sehen, was sie aus den Songs ihrer Kollegen machten, es gab auch jedesmal einen kleinen Stich, wenn ich wieder einen Song erkannte, den eigentlich jemand anderes singen sollte. Sie sind offensichtlich in der Lage, sich gegenseitig perfekt zu vertreten und in jeder Zusammensetzung etwas Gutes hervorzubringen. Aber jeder einzelne von Ihnen trägt etwas ganz einzigartiges zum Ukulele Orchestra of Great Britain bei und das wird immer fehlen, wenn sie nicht alle zusammen auf der Bühne sitzen können.
Chill Out

Der Club leerte sich schlagartig sobald das Konzert
beendet war und die verbliebenen Besucher verteilten sich rund um die drei
Bars, wo sich die Ukes , sobald sie umgezogen waren, unter
die Leute mischten und sich mit Fans unterhielten. Man sah ihnen die Erleichterung
buchstäblich
an. Hatten sie wirklich geglaubt, das
hätte
schiefgehen
können?
Es war ein großes Vergnügen, sie jetzt so ausgelassen und gut
gelaunt zu sehen. Das war ein extrem anstrengender Tag gewesen
und sie hatten
es sich hart verdient. Wir saßen noch in der Garderobe zusammen bis
der Club schloß und später auch
noch in der Hotelbar. Auf dem Weg zum Hotel,
gab Hester die guten Neuigkeiten preis, daß auch sie jetzt endlich
vorhabe, ein eigenes Solo-Album zu veröffentlichen!
(siehe
Hester's
MySpace Seite) Das wurde auch Zeit!
In der Hotelbar wurde ich bald auch noch Zeuge eines ganz einzigartigen Ereignisses: Während mein Mann Richies Bariton-Ukulele ausprobieren durfte, spielte er "Shine On You Crazy Diamond" von Pink Floyd, woraufhin Jonty und Hester sofort mit einstiegen und mitsangen, bis ihnen der Text ausging. Es klang einfach nur phenomenal und ich kann nur hoffen, daß die Ukes diesen Klassiker eines Tages in ihr Repertoire aufnehmen.
Inzwischen war Richie so begeistert von dem Barpianisten, der dort spielte, daß er unbedingt mit ihm spielen mußte. Als sich auch noch herausstellte, daß der aus Polen stammende Mann zufällig denselben Vornamen hatte, wie Richie, nur in einer polnischen Variante "Rytchie", war Richie nicht mehr zu bremsen und so gab es dort mitten in der Nacht auch noch eine spontane Jam-Session mit Richie an der Bariton-Ukulele und Rytchie am Synthesizer.

Nachdem Hester, Dave und Richie sich wenig später verabschiedet hatten, blieben wir mit Jonty in der Bar, wo er noch ein paar Details aus seiner Karriere verriet, bevor die Bar schloß.
Am nächsten Morgen trafen wir uns mit den Ukes beim Frühstück, checkten zusammen aus und nachdem noch Zeit war, bis wir alle zum Bahnhof mußten, führte Richie uns auf einen alten Friedhof gleich hinter dem Hotel, wo er die Eichhörnchen füttern wollte. Er hatte eigens eine Tüte mit Kürbiskernen dabei, aber mußte dann enttäuscht feststellen, daß die Tierchen sein Futter verschmähten. Also verbrachten wir den Rest des Vormitttages in einem Cafe, bevor wir zum Bahnhof mußten. Die Ukes fuhren weiter nach Schopfheim, wo George und Will schon auf sie warteten.
- 1
- Genaugenommen ist es ein Medley aus dem Ying Tong Song aus "The Goon Show2" und dem 20er Jahre Hit "Yes Sir, That's My Baby"
- 2
- The Goon Show war eine sehr erfolgreiche Britische Radio Comedy Show die von 1951 bis 1960 von der BBC produziert wurde. Sie gilt heute als Vorbild der modernen Britischen TV-Comedy und ihre Einflüsse sind unter anderem bei Monty Python oder sogar den Beatles zu finden. Initiator und Haupt-Autor war der irische Komiker Spike Milligan. Die Hauptrollen spielten Michael Bentine (1951-1953), Spike Milligan, Harry Secombe und Peter Sellers.
- 3
- How Can You Mend A Broken Heart - Bee Gees 1971



