Begegnung mit den Ukes
28.07.2008
#1: Teil II: Aylesbury - das Konzert der Ukes
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Das Konzert
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zu Teil I: Ein Tag mit den Ukes
1. Vorher
Am Samstag verbrachte ich einen ruhigen, sonnigen Tag in Aylesbury und auch wenn
ich schon frühzeitig am Civic Centre war, hatte ich beschlossen, die Ukes vor dem Konzert nicht zu stören. Sicher mußten sie sich auf das Konzert
vorbereiten und ich wäre nur im Weg gewesen.
Aber mir wurde bald langweilig, und so ging ich ein wenig spazieren. An der Rückseite des Gebäudes stand eine Tür offen, die ich nicht weiter beachtete. Ich war schon fast daran vorbei gelaufen, als jemand meinen Namen rief -da stand Jonty im Bühneneingang und winkte mich freudig heran... Kurz darauf kam Peter dazu, Jonty stellte uns vor und schon verschwand Peter auch wieder nach drinnen...
Als plötzlich sehr ungewöhnliche Töne nach draußen drangen, dachte ich für einen kurzen Moment, es wäre ein Saxophon, aber noch bevor ich fragen konnte, zerrte mich Jonty schon mit hinein, bis wir mitten im großen Saal vor der Bühne standen. Es war Richies neuer Soundeffekt, den er gerade testete. Seine Bariton-Ukulele klang einfach umwerfend elektrisch damit. Das Solo, das er hier spielte, brauchte solchen Sound! Jonty erklärte mir mehrfach, wie genial das doch klinge! Und er hatte ja so recht. Und dann erfuhr ich, daß das heute eine Premiere wäre, weil Richie den Effekt zum ersten Mal im Konzert einsetzen würde. Wir beschlossen, daß er mir nicht erzählen sollte, wo, und danach paßte Jonty auch auf, daß mir niemand etwas verriet.
Endlich kam auch George dazu und ich versuchte sofort ihm seine Tasche zurückzugeben. Er fragte erst nach, ob ich sie denn nicht noch bräuchte und beschloß dann, sie mir zu schenken... Ich hoffe sehr, diese Entscheidung hatte nichts mit dem wirren Zeug zu tun, das ich auf seine Frage geantwortet hatte. Ich war plötzlich sehr nervös geworden. Es fühlte sich so seltsam unpassend an, hier in dem großen leeren Saal zu stehen (der später voll besetzt doch wesentlich kleiner wirken sollte) und George von seiner Arbeit abzuhalten. Dankbar folgte ich daher Jontys Aufforderung, mit ihm zu den anderen hinter die Bühne zu gehen.
Die Zeit bis zum Konzert durfte ich bei Hester, Richie, Dave, Will und Jonty in der Garderobe sitzen und da war ich auch wieder entspannter. Jonty holte mir einen Kaffee, danach beobachtete ich amüsiert, wie die Männer umherwuselten. George und Peter kamen nur kurz dazu. Kitty war auch hier leider nicht dabei.
Es gab auch noch mehr interessante Geschichten, vor allem von Jonty. Offensichtlich
mag er es nicht besonders, daß sein Äußeres im Netz regelmäßig
mit dem des englischen Schauspielers John Simm verglichen wird. Richies Reaktion
darauf war pragmatisch: "There are worse things than being compared to
John Simm! ("Es gibt schlimmeres, als mit John Simm verglichen zu werden!")".
Ich bin da ganz Richies Meinung. Und dabei stellte sich heraus, daß auch
Richie die Fernsehserie "Life on Mars" sehr mag. Zwischendurch kam
Dave zu mir und schenkte mir einen Fächer, den seine Tochter aus Papier
gebastelt hatte. Das war süß.
Außerdem erfuhr ich endlich die Details zu Jontys Schauspielkarriere.
Er war mal ein Kinderstar! In einer Serie von itv-Lehrfilmen namens "The
Way We Used To Live" hat er zwischen 1968 und 1971 in den Folgen über
die Viktorianische Zeit mitgewirkt. Soweit ich herausfinden konnte, wurden
diese Filme häufig in englischen Grundschulen vorgeführt.
Als wäre das alles nicht schon mehr als genug, hatten die Ukes aber noch
eine weitere Überraschung für mich parat. Ich hätte mich ja
nie, nie, niemals getraut, sie darum zu bitten, irgend etwas für mich
zu spielen, aber als ich Hester erzählte, daß ich in der ganzen
Aufregung den Geburtstag meiner besseren Hälfte daheim vergessen hatte,
hörte dies einer der Männer und spontan wurde beschlossen, ein Geburtstagsständchen
für ihn zu singen, das ich dann filmen sollte. Ich war
nur noch sprachlos!
George schlug sogar vor, das auf Deutsch zu tun, aber Will wehrte sich heftig dagegen. (was ich nur zu gut verstehen kann). Fünf Minuten vor ihrem Auftritt versammelten sie sich in der Umkleide und sangen "Happy Birthday" in meine Kamera.
Gleich danach sollte mich ein Mitarbeiter des Civic Centre, ich glaube, es war der Ansager, zu meinem Platz im Saal geleiten. Jonty bot mir an, meine Tasche da zu lassen, was ich auch brav machte, nur vergaß ich leider, Notizbuch und Stift mitzunehmen und das macht es heute nicht gerade leicht, diesen Bericht zu schreiben.
2. Das Konzert
Ich hatte einen Platz in der ersten Reihe ergattern können und saß am rechten Ende des mittleren Blocks, genau vor Jonty. Ein kurzer Blick nach hinten bestätigte, daß das Publikum im ausverkauften Saal, wie erwartet, bunt gemischt war. Auffällig viele Familien.
Ich hatte nicht viel Zeit, mich über das fehlende Notizbuch zu ärgern, denn es ging nur wenige Momente später los: Die Ukes marschierten einer nach dem anderen auf die Bühne, verbeugten sich gemeinsam und setzten sich an ihre Plätze. Dann begrüßte George das Publikum: "Good evening, ladies and gentlemen, we ARE the Ukulele Orchestra of Great Britain!" Das sagt er offensichtlich immer so und ich wunderte mich wieder, warum er ausgerechnet das Wort "are" ("sind") betont. Als könnte jemand Zweifel daran haben, daß sie das UOGB sind?
Die ersten Stücke, die sie spielten, kannte ich. Dave's Version von Teenage Kicks von den Undertones, die sich so schön in die Melodie hineinsteigert, war wie immer ein intensiver Genuß, Running Wild, aus dem Film "Some Like It Hot" perfekt kombiniert mit ihrer schönen Eigenkomposition "You'll Never Know" machte, glaube ich, den Anfang.
Bald gab es auch Daves berühmte "presents ("Geschenke")". Dave verteilt in jedem Konzert irgendwelche seltsamen Dinge, wie eine alte Zeitung oder einen benutzten Fahrschein im Publikum. Ich konnte leider nicht erkennen, was es diesmal war, dafür saß ich auf der falschen Seite.
Das erste Stück, das von Hester gesungen wurde, war -sehr zu meiner Freude- Teenage Dirtbag von Wheatus. Hester macht diesen Song ganz zu ihrem eigenen, als ob er für sie geschrieben worden wäre! Es ist faszinierend, wie sie mit so leisen Tönen so viel Leidenschaft ausdrücken kann.
Mit dem
Ying
Tong Song hatte ich allerdings gar
nicht gerechnet, aber umso mehr war ich begeistert, das live erleben zu dürfen.
Die Ukes verwenden eine Strophe des Stücks1 als
Teil eines Medleys, das mit Yes Sir (That's My Baby) eingeleitet wird.
Am faszinierendsten finde ich daran, wie sie sich sich in der Mitte des Stücks in Disharmonie verlieren, wenn alle plötzlich wild durcheinander klimpern, aber ein unsichtbares Kommando führt sie genauso plötzlich alle gleichzeitig wieder zurück zur gemeinsamen Melodie. Der Text des Refrains lautet: "Ying Tong Iddle I Po"...
Anarchy in the UK war genauso fantastisch, wie ich es mir ausgemalt hatte. In seiner Einleitung forderte Richie das Publikum zum Mitsingen auf, und prompt stimmte der ganze Saal beim Refrain mit ein, als wäre es einer der Songs, die man schon seit Generationen am Lagerfeuer trällert. "...and I... wanna be... anarchy!"
Kein Wunder, denn das gemütliche Arrangement der Ukes hat außer der eingängigen Melodie nichts mehr gemeinsam mit der provokativen Punk-Hymne der Sex Pistols. Mit dieser sanften Stimme gesungen erinnert das viel eher an Simon & Garfunkel und wer könnte dem gutmütigen Richie ernsthaft glauben, wenn er singt "I am an antichrist, I am an anarchist, I wanna destroy..."
Endlich bekam ich auch Jontys Bewerbungsstück zu hören, die Badinerie von J. S. Bach. Komplett gepfiffen! Das war nicht nur beeindruckend, sondern schon fast beängstigend. Jonty ist ein begnadeter Pfeifer.
Und Will ist cool. Das kunstvolle Stottern ist sein Markenzeichen, damit hat er so Klassikern wie "Hot Tamales" und "Hard To Handle" seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt. Als ich ihn am Tag zuvor "Crazy" von Gnarls Barkley singen gehört hatte, wußte ich, daß er sich zurückgehalten hatte, nur nicht, wie sehr. Seine Interpretation von "Crazy" war absolut atemberaubend und so unglaublich leidenschaftlich, wie ich es von ihm nie erwartet hätte. Sein typischer Stottergesang kam hier nur wenig und wohldosiert zum Einsatz, aber gerade das trug umso mehr zur emotionalen Intensität des Songs bei. Ich hoffe sehr, daß sich das auf ihrer nächsten CD wiederfindet.
Nach der Pause beeindruckte mich Jonty gleich noch einmal mit einer höchst ausdrucksstarken und nuancenreichen Version von Only You (The Platters), angekündigt mit den Worten "This is a song about a tree...and a sheep (Das ist ein Lied über einen Baum...und ein Schaf)".
Danach versprach George, daß sie jetzt einen ordentlichen Rock Song spielen würden. Auf traditionelle Art und so. ("We're going to do a proper rock song now, in the traditional style and everything...") -und die Zuhörer lachten Tränen, als sie anfingen Pinball Wizard von The Who zu singen - es wurde a capella im Stil eines Seemannsliedes präsentiert!
Last Nite, "a song from this decade (ein Song dieses Jahrzehnts)",
wie er sagte, von The Strokes war Daves Highlight dieses Abends und paßte perfekt
zu ihm und seinem energiegeladenen Singstil. Obwohl die Ukes-Version
kein bißchen weniger flott, als das Original daherkommt, klang sie eher
wie ein Folk Song und erinnerte ein wenig an "When I"m Dead and Gone" (1970)
von McGuinnes Flint. Das Video von der Probe dazu gibts hier:
Probe
von Last Nite
Auch auf
Wuthering Heights hatte ich mich ganz besonders gefreut. Es gehört
zu meinen Favoriten, seit ich Georges Version kenne. Diesmal gab es auch noch
höchst amüsante Batusi2 Tanz-Bewegungen
dazu. Das Publikum machte ausgelassen mit und steuerte die "Heathcliff!"-Rufe
an den richtigen Stellen bei. Davor erzählte
er irgend etwas über die Verschiebung der Grenzen von Yorkshire, aber
ich habe leider nicht alles verstanden. George kommt ursprünglich von
dort. Zwischen den Strophen warf er zur großen Belustigung die Frage
ein, ob außer ihm noch jemand seinen "leotard" (Turnanzug, hautenges
Trikot) unter der Schuluniform getragen hätte. ("Is
there anybody here who used to wear a liotard under their school uniform. Hm?
Just
me then."). Und tatsächlich hatte ich immer gedacht, er sagte "lizard"
(Eidechse) seit ich das erste Video davon gesehen habe und ich hatte irgendwelche
Phantastien über exotisches Leder, bis George mich über meinen Fehler aufklärte...
Das große Finale des Abends war
Back
in Black von
AC/DC. Zweifellos ist das ein neues Paradestück für Peter. Die atemberaubenden
Soli von George und Richie kündigte er sehr blumig als "...outer
limits of fretboard onanism (...äußerer Grenzbereich der Griffbrett-Masturbation)" an.
Hier kam also Richies neuer Effekt zum Einsatz. Leider war er etwas zu leise,
ich hätte gern noch einmal mehr davon gehört. Aber es war trotzdem
umwerfend.
Nach drei Zugaben, The Dambusters March, Fly Me Off the Handel und Cancion Mixteca beendeten sie unter tobendem Applaus ihre Vorführung.
Ich war erstaunt, wie sehr ich an diesem Abend die Zeit aus den Augen verloren hatte. Es kam mir vor, als wären die rund zwei Stunden in nur wenigen Minuten vergangen und ich hätte den Ukes noch viele Stunden einfach immer weiter zuhören können (Allerdings hielt ich mich mit derartigen Wünschen zurück, zu gut war erkennbar, wie sehr sie sich verausgabt hatten).
Dieses Konzert war einfach atemberaubend. Man möchte meinen, nach der umfangreichen Recherche für diese Seiten wäre ich darauf vorbereitet gewesen, aber meine Erwartungen wurden tatsächlich weit übertroffen. Die Scherze zwischendrin sorgten für ausgelassene Stimmung -ich kann mich nicht erinnern, je ein Konzert gehört zu haben, bei dem alle so viel Spaß gehabt hätten. Aber ihre DVD und die vielen Videos, die man im Netz von den Ukes mittlerweile findet, können nur andeuten, was diese Virtuosen tatsächlich musikalisch auf der Bühne leisten.
Ihre humorvolle und intelligente Herangehensweise schafft eine heiter entspannte Atmosphäre und auch ohne sie vorher persönlich kennengelernt zu haben, ist erkennbar, daß sich die Ukes aus einer Gruppe von höchst sympathischen und interessanten Menschen zusammensetzen.
Leidenschaft, Perfektion und Hingabe sind wohl die Worte, die am besten beschreiben, wie die Ukes ihr Publikum in ihren Aufführungen derart verzaubern können. Das muß man erlebt haben.
3. Nachher
Als im Saal die Lichter wieder angingen, überkam mich plötzlich eine irrationale Panik, daß mich jemand davon abhalten könne, wieder backstage zu gehen und so lief ich etwas hastig zur nächsten Tür, die nach hinten führte. Natürlich versuchte niemand mich aufzuhalten, aber ich rannte fast in Jonty, der -wie könnte es anders sein- schon wieder mit Zigarette in der Hand auf dem Weg zum Bühnenausgang war.
Er war patschnaß geschwitzt, weil er auf der Bühne sichtbar alles gegeben hatte und ich machte mir ernsthaft Sorgen, daß er sich erkälten könnte, wenn er so vor die Tür geht. Deshalb bot ich ihm ein Taschentuch an, was er aber dankend ablehnte. Mit breitem Grinsen im Gesicht erklärte er, das würde draußen ganz schnell wieder trocknen. Raucher...
Ich blieb ein Weilchen bei ihm und befragte ihn zu den geänderten Arrangements,
die ich im Konzert wahrgenommen hatte. Dazu meinte er, daß die
Arrangements nicht neu wären, sondern daß ich nur ihre übliche
Improvisation bemerkt hätte. Und sichtbar stolz fügte er hinzu, daß sie
das so gut könnten, weil sie sich schon so lange kennen und so gut verstehen
würden. Daran habe ich gar keinen Zweifel. Vor lauter Staunen kam ich
gar nicht dazu, ihm zu sagen, wie gut mir diese Abwechslung zu den bekannten
Versionen gefallen hatte.
Nachdem Jonty in die Garderobe zurückgegangen war, blieb ich erst mal
eine Weile im Flur. Es herrschte gerade sehr geschäftiges Treiben in den
Garderoberäumen und síe wollten noch ins Foyer zu den Fans gehen.
Aber wenig später kam Jonty umgezogen zurück und verabschiedete sich
von mir, weil er und Will früher wegmußten. Das kam so überraschend
daß ich gar nicht wußte, wie ich reagieren sollte. Ich hoffe sehr,
daß meine Reaktion nicht seltsam wirkte. Danach mußte ich ihm aber
versprechen, daß wir uns bald in Deutschland wieder sehen werden. Aber
sicher doch!
Anschließend ging ich hoch ins Foyer und beobachtete das Treiben aus der Ferne. Die Ukes saßen oder standen um ein paar Tische herum, verkauften ihre CDs und sprachen mit den Fans. Hier sah ich dann auch Jonty zum letzten Mal und konnte nicht widerstehen, ein letztes Foto zu machen.
Als nur noch wenige Leute da waren, schlich sich Richie weg und nahm mich wieder mit hinter die Bühne, wo wir zusammen den letzten Kaffee leer tranken und uns sehr nett unterhielten, während wir auf die anderen warteten. Hier erwähnte er auch, daß sie den Dambusters March3, den sie als Zugabe gespielt hatten, nie in einem deutschen Konzert spielen würden.
Dave war auch dabei, und ließ sein Wissen über die musikalische Karriere von John Simm einfließen. Am Ende mußte er Richie noch helfen, mich abzulenken, damit der von mir ein Foto machen konnte und dann kamen auch schon Hester und George und schweren Herzens verabschiedete ich mich von den Ukes .
- 1
- Der Ying Tong Song stammt aus "The Goon Show" einer BBC Radiosendung aus den fünfziger Jahren, die sich durch albernen Geschichten und surrealen Humor auszeichnete. Neben Spike Milligan und Harry Secombe, gehörte auch der hier in Deutschland bekanntere Peter Sellers zu den Hauptdarstellern.
- 2
- "Batusi" nennt sich ein fiktiver Tanzstil aus der TV-Adaption der Batman-Comics aus den Sechzigern, bei dem die Hand mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger horizontal an den Augen vorbei geführt wird. Eine sehr bekannte Film-Szene, in der das von John Travolta praktiziert wird, stammt auch aus dem Film Pulp Fiction
- 3
- The Dambusters March wurde als Titelmelodie in dem englischen Film "The Dambusters" von 1954 verwendet, der in England zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten zählt. Er erzählt davon, wie die Engländer die Rollbombe entwickelten und wie damit 1943 unter großen Verlusten auf beiden Seiten mehrere deutsche Talsperren zerstört wurden.



